Das Kirchengebäude

Bedeutung und Zukunft

Jahrhundertelang lebten wir in Westeuropa in einer weitaus homogenen christlichen Kultur. In allen Städten, Dörfern und sogar Stadtvierteln waren Kirchen nötig. Seither haben sich die Zeiten sehr geändert. Die aus der Vergangenheit geerbte Infrastruktur entspricht nicht mehr der wirklichen Situation der Kirche in unserer Gesellschaft. Es gibt zwar Kirchen, die auch heute noch von vielen genutzt und besucht werden. Aber längst nicht alle. Viele von ihnen werden weniger benutzt als früher. Daher drängt sich uns eine Frage immer mehr auf: Wie gehen wir damit um, welche Politik ist anzuwenden und wie lässt sich die Zukunft unserer Kirchen am besten gestalten?

Wir müssen gegenwärtig bereits konkrete Entscheidungen treffen. Einigen Kirchen wird eine Nebenbestimmung zugewiesen. Andere werden als gottesdienstliche Räume aufgegeben und erhalten eine neue Bestimmung. Es gibt Fälle, wo die Entscheidung auf der Hand liegt. Aber oft erweist sie sich als schwierig. Die Regierungen haben uns nicht aufgefordert, Kirchen zu schließen. Sie fordern die Kirche auf, eine Perspektive oder einen Zukunftsplan zu entwickeln, aus dem hervorgeht, welche Kirchengebäude sie für den Kultus behalten möchte, welchen eine Nebenbestimmung zugewiesen werden kann und welche sie für den Kultus schließen möchte. Die Pläne und Entscheidungen müssen in Absprache mit allen Betroffenen, insbesondere den Gemeinschaften vor Ort, getroffen werden. Dies erleichtert nicht die Entwicklung einer gemeinsamen und kohärenten Politik für die gesamte Kirche.

Es muss vermieden werden, dass Fragen zur Zukunft der Kirchen nur auf lokaler Ebene betrachtet und entschieden werden. Eine gemeinsame Politik ist sehr wichtig. Denn die Art und Weise, wie wir mit unseren Kirchengebäuden umgehen, hat auch mit der Art und Weise zu tun, wie wir als Kirche in der Gesellschaft präsent sind. Die Problematik der Kirchengebäude kann nicht auf das reduziert werden, was seelsorglich gesehen nötig ist. Sowieso bliebe dann noch die Frage, was man unter „Seelsorge“ bzw. „Pastoral“ verstehe und was seelsorglich gesehen nötig sei. Die Bedeutung und die Zukunft unserer Kirchengebäude hängen mit Fragen zusammen, die die schlicht pastoralen Bedürfnisse übersteigen. Viele Faktoren spielen da mit. Natürlich muss man den örtlichen Gegebenheiten und Möglichkeiten Rechnung tragen. Es wäre allerdings nicht gut, dies jeweils von Fall zu Fall zu betrachten, ohne dabei eine gemeinsame Vision, geschweige denn ohne eine umfassendere Vision und ohne eine längerfristige Politik zu berücksichtigen. Deshalb wollen wir in dieser Stellungnahme von den vielfältigen Bedeutungen des Kirchengebäudes ausgehen.

Das Kirchengebäude und seine verschiedenen Bedeutungen

Kirchengebäude dienen in erster Linie dem Gottesdienst (Kultus) und der Verkündigung des Evangeliums. Dort versammelt sich die Gemeinschaft der Gläubigen zur Feier der Liturgie: zur Eucharistie und zu anderen Gebetsfeiern. Auch die Taufe wird dort gespendet und die Firmung gefeiert. Hochzeitsfeiern und Beerdigungen werden ebenso gehalten, und Katechese und Glaubensunterweisung werden angeboten. Alles, was dem Glauben und dem Aufbau der Glaubensgemeinschaft dient, kann dort stattfinden.

Das Kirchengebäude ist aber nicht nur für gemeinschaftliche Feiern und Aktivitäten gedacht. Kirchengebäude sind auch Orte, an denen man alleine sein kann, Orte des persönlichen Gebets, Orte der Stille. Wenn sie nur für Gottesdienste genutzt würden, könnten sie außerhalb dieser Zeiten geschlossen bleiben. Aber dadurch würde das Gebäude eine wesentliche Bedeutung verlieren. Kirchen sind offene Häuser mit offenen Türen. Man kann je nach Belieben rein und raus gehen. Man benötigt keine Mitgliedskarte. Sie sind offene Orte, jedem zugänglich, ob gläubig oder nicht. Öffentliche Orte, einzigartig in ihrer Art.

Darüber hinaus sind viele unserer Kirchen Teil unseres kulturellen und historischen Erbes. Manche enthalten echte Kunstschätze. Dies ist natürlich nicht bei allen der Fall. Das Kirchengebäude verbindet uns auch mit früheren Generationen, unserer Geschichte und unserer Vergangenheit. Auch hier erkennen wir, dass die Bedeutung des Gebäudes weit über das hinausgeht, was zum liturgischen Gottesdienst benötigt wird. Deshalb können Menschen sich ihrer Kirche sehr verbunden wissen. Das Feuer von Notre-Dame de Paris ließ uns die symbolische Bedeutung dieser Kathedrale nicht nur für die Religionsgemeinschaft und die Stadt Paris spüren, sondern auch für das ganze Land, sogar die ganze Welt. Auch wenn viele Kirchen einen echten musealen Wert haben, so werden sie dadurch nicht zu bloßen Museen. Das Kirchengebäude behält seine unersetzliche und ursprüngliche Bedeutung. Jeder verspürt es: in eine Kirche hineingehen ist nicht dasselbe wie ein Museum besuchen.

Keine rein funktionale Herangehensweise

Aus dem Vorstehenden ergibt sich, dass die Bedeutung eines Kirchengebäudes nicht rein funktional zu verstehen ist. Mit funktional meinen wir: was wir für die Seelsorge brauchen. Noch reduzierter: Was wir zum Sonntagsgottesdienst der Christengemeinde brauchen. Nicht nur weil noch viele andere Formen von Gottesdienst und Aufbau von Kirchengemeinschaft im Kirchengebäude stattfinden. Vor allem aber ist das Kirchengebäude nicht nur dem innerersten Kreis der Glaubensgemeinschaft vorbehalten. Unsere Kirchen sind offene Orte, die allen zugänglich sind.

Kirchengebäude sind anders als andere Gebäude. Dies erklärt, warum die Schließung der Kirchen immer viele Emotionen hervorruft. Und dies nicht nur von Seiten der Gläubigen. Von sich aus verweist das Kirchengebäude auf eine Dimension, die wir in unserer säkularisierten Gesellschaft achtlos vergessen könnten. Wenn ein Kirchengebäude verschwindet oder der Ausübung des Kultes entzogen wird, dann verschwindet auch dieser Verweis.

Daher die Bedeutung des öffentlichen Charakters des Kirchengebäudes. Natürlich können sich Gläubige auch an privaten Orten zum Gottesdienst versammeln. Dies war zu Beginn der Kirche der Fall und auch heute noch, wo Christen wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Dies geschieht so nicht bei uns. Der öffentliche Charakter des Kirchengebäudes ist ein Zeichen dafür, dass die Kirche mitten in der Gesellschaft präsent sein möchte. Sie ist keine abgesonderte Gruppe oder lediglich ein Verein von Gleichgesinnten, die sich an irgendeinem Ort versammeln. Das Kirchengebäude befindet sich dort, wo Menschen leben. Es ist sichtbar und allen zugänglich. In diesem Sinne ist ein Kirchengebäude an sich bereits vielsagend: ohne Worte zu gebrauchen, drückt es aus, dass der Mensch nicht nur von Brot alleine lebt. Gerarde durch diese Nicht-Funktionalität ist das Kirchengebäude so ausdrucksstark und heute wichtiger und notwendiger denn je.

Realismus und Bedachtsamkeit

Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen über die Erhaltung, die geteilte Nutzung oder über die Schließung von Kirchen, muss man sich bewusst sein, dass das, was auf strikt pastoraler Ebene noch benötigt wird, nicht das einzige Kriterium sein kann. Hier muss größte Bedachtsamkeit an den Tag gelegt werden. Insbesondere bei einem Umbau verliert das Gebäude nicht nur seine pastorale Funktion, sondern auch seine öffentliche und symbolische Bedeutung.

Dies ist kein Plädoyer, um alles zu behalten. Dies wäre, unter den gegenwärtigen Umständen, unverantwortlich. Neben den Kirchenfabriken mit ihren materiellen und finanziellen Möglichkeiten, tragen auch die öffentliche Hand – also letztendlich die Gesellschaft – zur Instandhaltung und Restaurierung dieser Gebäude bei. Wir müssen sowohl zivile Verantwortung als auch Loyalität zeigen. Die Entwicklung der Situation der Kirche in unserer Gesellschaft erfordert ebenfalls diesen Realismus. Wir verfügen nicht mehr über genügend Mittel, um alle bestehenden Kirchengebäude sowohl für den Gottesdienst als auch für die pastorale Tätigkeit zu erhalten.

Dieser Aufruf zum Realismus hindert uns nicht daran, eine Wahl und bestimmte Entscheidungen mit Sorgfalt und Vorsichtig zu treffen. Man darf die vielfältige Bedeutung des Kirchengebäudes nicht aus den Augen verlieren. Wenn die pastorale Landschaft neu gezeichnet wird, kommt es dazu, dass die sonntägliche Eucharistie oder ein Gebetsgottesdienst nicht mehr in jeder Kirche des Pfarrverbandes gefeiert wird. Dies ist kein ausreichender Grund, diese Kirchen zu schließen, geschweige denn dem Kultus zu entziehen. Natürlich wird dies in manchen Fällen zwar geschehen. Aber nicht grundsätzlich. Andere Gottesdienste und andere pastorale Verwendungen des Gebäudes, sein Platz im Pfarrverband und die gesellschaftliche Bedeutung des Gebäudes werden ebenfalls berücksichtigt. Immerhin bleibt das Gebäude ein sichtbares Zeichen der Gegenwart und des Glaubens der Kirche in der Gesellschaft. Nur die Hauptkirchen eines Pfarrverbandes oder jene, in denen ein Sonntags- oder Wochenendgottesdienst stattfindet zu erhalten, würde einen drastischen Abbau unserer Infrastruktur bedeuten. Dies hätte unweigerlich Konsequenzen für die Kirche selbst, aber auch für unsere gesellschaftliche Relevanz und unsere Präsenz in der Gesellschaft.

Offene Kirchen: ein pastorales Projekt

Aber wenn wir eine Kirche behalten wollen, muss sie offen und zugänglich sein. Kirchen, deren Türen die ganze Woche geschlossen sind oder nur für liturgische Gottesdienste geöffnet sind, senden kein gutes Signal aus. Oft geschieht dies aus Sicherheitsgründen. Zwar ist dies verständlich, aber kein hinreichender Grund, um die Kirche ständig abzuschließen. Es würde sich lohnen, Menschen zu mobilisieren und zu befähigen, ihre Kirche zu bestimmten Tageszeiten offen zu halten. Man kann eine kontinuierliche Präsenz, einen Empfangsbereich für Informationsanfragen einrichten und den Besuch der Kirchen mit einer passenden Hintergrundmusik untermalen. Alles kleine Zeichen, die ausdrücken, dass jeder willkommen ist. Die Bedeutung von offenen Kirchen sollte nicht unterschätzt werden. Dieses vollwertige pastorale Projekt verdient unser aller Wertschätzung und Unterstützung. Ohne viel zu reden geben wir so zu verstehen, dass die Kirche ein offenes und gastfreundliches Haus ist, wo jede(r) willkommen ist.

Die belgischen Bischöfe

S.I.P.I., Brüssel, den 27. Juni 2019.
(Übersetzung vom 16. Juli 2019)