Die Hoffnung ist der Anker der Seele

 

Liebe Brüder und Schwestern,

In dieser Zeit anhaltender Krise und zu Allerheiligen möchte ich Bernanos zitieren[1]: “Die höchste Form der Hoffnung ist die Überwindung der Verzweiflung”. Tatsächlich haben die frühen Christen diese Erfahrung gemacht. Sie waren verzweifelt, da sie auf die sofortige Rückkehr Christi warteten.

Stattdessen wurden sie verfolgt. Daraufhin konzentrierten sie sich auf das Geheimnis Christi; sie drückten es durch das Bild des Ankers aus, der allmählich die Form eines Kreuzes annahm. Dies wurde durch den Brief an die Hebräer (Heb 6,19) inspiriert, der besagt, dass die Hoffnung “der Anker der Seele” ist. Die Hoffnung ist stromaufwärts und nicht stromabwärts verankert: das heißt, in Christus, der gestorben und auferstanden ist, und nicht in der Hoffnung auf eine magische Veränderung in der Zukunft. Somit birgt sie das Versprechen einer Zukunft, die in der Gegenwart gestaltet wird. Die Pandemie hat zu neuen Formen der Solidarität geführt. Hoffen heißt, die Welt schon heute verändern. “Die Zukunft liegt in den Händen derer, die den kommenden Geschlechtern Triebkräfte des Lebens und der Hoffnung vermitteln können” (Vatikanum II, Gaudium et Spes, 31,3).

Die bevorstehende Adventszeit lädt uns auch zu konkreter Solidarität unter dem Thema “Keine Sicherheit ohne Solidarität” ein. Wie ich in dem von Miteinander Teilen veröffentlichten Leitartikel in der Gazette d‘Avent schreibe, können wir mit unserer Adventskampagne unsere Augen für die Armut öffnen, die unsere Mitbürger in ihrem Leben und in ihrer Sicherheit bedroht. Wir werden aufgefordert, die Ursachen von Ungerechtigkeiten in unseren Gesellschaften zu suchen. Miteinander Teilen ist für uns ein Wächter, der uns die Ohren öffnet! So werden zahlreiche Hilfs- und Solidaritätsorganisationen unterstützt, die konkrete Hilfsmaßnahmen gegen die Schwierigkeiten unserer Mitbürger anbieten. In der Hauptsache bestehend aus ehrenamtlichen Helfern, sind sie es, die Lösungen für die gestellten Probleme finden und so ein Netzwerk der Solidarität in unserer Gesellschaft schaffen. Unsere Großzügigkeit wird diesen Organisationen auf effektive Weise helfen; und die Hilfe aller wird dazu beitragen, die Sicherheit eines jeden zu erhöhen.

Lasst uns kurz vor Weihnachten wachsam bleiben, um Jesus in seiner Kleinheit und Diskretion zu entdecken. In seiner Armut hat er sich den Armen dieser Welt genähert. Er erweckt so die Solidarität in uns!

Gebet, um einen Weg in Zeiten der Gesundheitskrise zu ebnen[2]

Herr, unser Gott,
Du hast Propheten ausgesandt,
wie Jesaja und Johannes den Täufer,
damit sie Dir einen Weg ebnen
in die Herzen der Menschen.

Tatsächlich sind meine Gefühle
oft kompliziert und gefangen.
Öffne mein Herz, um das Wort
der heutigen Propheten
willkommen zu heißen.

Unsere Welt leidet
wegen der Gesundheitskrise.
Sie muss sich selbst heilen,
um in sozialer Gerechtigkeit
und Menschenwürde zu regenerieren.

Heile die Herzen der Menschen
durch das Kommen deines Sohnes Jesus.
Lass ihn deine Wege begradigen
und uns eine Zukunft der Hoffnung eröffnen,
indem er uns im Heiligen Geist tauft.

Jean-Pierre Delville, ihr Bischof

[1] Georges Bernanos, La Liberté pour quoi faire ? janvier 1947, in Essais et écrits de combat, t. II (Bibliothèque de la Pléiade), Paris, Gallimard, 1995, S. 1263. Cf. Albert Vinel, Quelle espérance en temps de crise ?, Konferenz in der Kathedrale von Namur am 21. September2020.

[2] Übersetzung aus Jean-Pierre Delville, Prières pour les cinq signets d’Avent, Signet n°2, Fidélité, 2020.