Die Osterzeit im Kleinen erleben

Liebe Brüder und Schwestern,

Wie kann man die Osterfreude in einer Gesellschaft leben, die von der Coronavirus-Krise heimgesucht wird? Die Gesellschaft ist verletzt. Sie wird nie wieder dieselbe sein: Die Zerbrechlichkeit, die wir weltweit erfahren, erfordert die Schaffung einer neuen Solidarität, die auf einem größeren Respekt vor der Natur und vor dem Menschen beruht.

Ostern, ein Übergang

Das Osterfest lädt uns dazu ein: denn Ostern bedeutet auf Hebräisch « Übergang ». Für das jüdische Volk erinnert Pessach an den Übergang von Ägypten in das Gelobte Land, von der Versklavung in die Freiheit. Für uns Christen fügt sich hier der Übergang Christi vom Tod zum Leben hinzu. In beiden Fällen erinnert das Paschafest an Leid, Sklaverei und Tod. Doch allmählich verlässt man diesen Übergang, um die Freude zu entdecken. Das Volk Israel musste vierzig Jahre in der Sinai-Wüste verbringen, bevor es das Gelobte Land betrat. Jesus durchlebte den Tod, bevor er zu neuem Leben erstand. Auch wir leben unser Osterfest als einen allmählichen Übergang vom Tod zum Leben und von der Angst zum Vertrauen. Aber wir sind nicht allein. Wir werden von unseren Gemeinschaften getragen, die diese häusliche Quarantäne mutig angegangen sind. Wir werden von der Gnade Gottes getragen. Wir werden von der Hoffnung getragen. Die Osterzeit, die wir während fünfzig Tage nach Ostern leben, lenkt unseren Blick auf den auferstandenen und lebendigen Christus.

Eine Osterzeit im Kleinen

Wir leben sie „in Moll“, wie man in der Musik sagt. Eine Moll-Tonart verbreitet eine traurige Atmosphäre, weckt aber auch intensive Gefühle. Unsere Osterzeit findet in Moll, im Kleinen statt, da viele Feiern nicht stattfanden: Die Gottesdienste der Karwoche fanden an einigen wenigen Orten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und die Einführungssakramente in die christliche Gemeinschaft (Taufen, Firmungen, Erstkommunionen) wurden annulliert und auf später verschoben. Das führte zu Enttäuschung und Frustration bei Kindern und Jugendlichen, die ihr Glaubensfest feiern wollten, viele Familienfeste wurden gestrichen. Es ist ein erzwungenes eucharistisches Fasten. Ich verstehe all jene, die wegen dieser Annullierungen enttäuscht sind und bedauern, dass sie ihren Glauben nicht durch sakramentale und brüderliche Gemeinschaft nähren konnten.

Dies konfrontiert uns mit der tiefen Bedeutung dieser Feierlichkeiten, die uns plötzlich fehlen, obwohl sie uns als normal erschienen. Dies bereitet uns darauf vor, diese Momente intensiver zu leben, wenn sie wieder erlaubt sind. Denn Ostern ist auch der Sieg des Lebens über den Tod, der Sieg des Lichts über die Finsternis, wie ich in meiner Fastenbotschaft „Wächter, wie lang ist noch die Nacht?“ schrieb. Ich hoffe, dass eine neue Leidenschaft entsteht und vor allem die ganze Welt einen neuen Lebensstil entwickelt. Es wäre die Frucht der von Christus verheißenen Neugeburt. Lasst uns unsere Gebete und unsere Gesten vereinen, um diese neue Welt zu schaffen, die wir erwarten und die brüderlicher sein wird.

In Gemeinschaft mit Maria

Indem ich Sie einlade, diese Osterzeit intensiv im Kleinen zu leben, lade ich Sie ein, auch Maria zu ehren. Sie spürte die Angst, die im Raum des Abendmahls herrschte, wo die Jünger Jesu nach seinem Tod versammelt waren und von der Menge bedroht wurden. Sie nahm aktiv an der entstehenden Kirche teil und erhielt die Gabe des Heiligen Geistes. Sie wird im Mai und am Pfingstmontag, dem Gedenktag Mariens, Mutter der Kirche, besonders verehrt. Lasst uns in dieser vom Heiligen Geist geprägten Osterzeit füreinander beten. Lasst uns dieses Netzwerk der Unterstützung und des Gebets schaffen, das uns schützt und durch das der auferstandene Christus uns Leben in Fülle schenkt.

Ihnen allen wünsche ich eine besinnliche Osterzeit in Moll!

† Jean-Pierre Delville, Ihr Bischof