Fastenzeit in einem Pandemiejahr?

Liebe Brüder und Schwestern,

Wir haben schon das ganze Jahr über Buße getan! Jeder war vom Coronavirus betroffen: Tod von nahestehenden Personen, krankheitsbedingtes Leid, Umwälzungen im Berufsleben, Erschöpfung im Alltag… Müssen wir in dieser leidgeprüften Zeit noch eine Fastenzeit hinzufügen?

Gottesdienst zum Aschermittwoch in der Kathedrale von Lüttich – © Diocèse de Liège

Mehr denn je! Denn die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass wir alle auf dieser Erde miteinander verbunden sind, da wir alle Opfer derselben Pandemie sind und alle auf ein Heilmittel, einen Impfstoff oder ein Medikament warten. Diese Solidarität im Leid spornt uns an, eine Solidarität im Heil zu leben. Die Fastenzeit hilft uns, unsere Bekehrung nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen zu leben. Die Fastenzeit lädt uns ein, gemeinsam Buße zu tun, die Wahrheit über unser Leben zu sagen, unsere Sünde vor Gott zu bekennen, um seine Barmherzigkeit zu bitten, zu beten, um uns mit ihm zu vereinen, uns im Hinblick auf eine bessere Welt zu bekehren und uns für den Dienst an den Armen einzusetzen: Fasten, Beten, Almosen geben, sagt die Tradition.

Um der kollektiven Sünde, die uns die Pandemie aufweist, entgegenzuwirken, müssen wir zu Gott beten, dass er uns von dieser Pandemie befreit, unsere Herzen bekehrt und uns zu Lösungen für die Ungleichgewichte in unserer Menschheit inspiriert. Wir bitten ihn, uns zu helfen, eine kollektive Liebe und konkrete Solidarität zu leben.

Deshalb lädt uns Miteinander Teilen ein, den Menschen in Madagaskar, die in großer Armut leben, zu helfen. Wir können sie unterstützen, indem wir Hilfsprojekte für Landwirte fördern. Diese werden uns im Gegenzug helfen, den Respekt vor der Ökologie zu entwickeln, da sie sich einer naturverträglichen Landwirtschaft verschrieben haben. Gemeinsam mit ihnen wollen wir, dass es mehr Gerechtigkeit in der Welt gibt und dass Landwirte ihr eigenes Land besitzen können.

So werden wir im Laufe der Fastensonntage dazu angeleitet, umzukehren, wie Jesus in der Wüste (1. Sonntag), wie die Jünger bei der Verklärung (2. Sonntag), wie die Zeugen der Katastrophen in Jerusalem (3. Sonntag), wie der verlorene Sohn (4. Sonntag), wie die Ehebrecherin (5. Sonntag). So werden auch wir wie sie die Barmherzigkeit Gottes für uns entdecken.

Mit dem Lukasevangelium werden wir in dieser Fastenzeit eingeladen, uns mit Jesus auf den Weg zu machen. Lukas beschreibt uns Jesus oft als Wanderer. Sein erster Weg während seines öffentlichen Lebens führt ihn in die Wüste: “Erfüllt vom Heiligen Geist, kehrte Jesus vom Jordan zurück. Er wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt” (Lk 4,1). Auch uns führt der Geist in unbekannte Gebiete und lädt uns ein, Gott anders zu entdecken. Lassen wir uns vom Geist, dem Atem Gottes, führen und lernen wir die verborgene Seite der Dinge kennen. Wie der in der Wüste versuchte Jesus sollten wir der Versuchung widerstehen, alles selbst zu tun, und unser Vertrauen in Gott, in das Unerhörte seines Wortes und in das Wagnis der Freundschaft mit unserem Nächsten setzen. Besteigen wir mit den Jüngern den Berg der Verklärung (Lk 9,28-36), machen wir den Umweg über den Turm von Siloach (Lk 13,1-9), kehren wir mit dem verlorenen Sohn zum Vater zurück (Lk 15,1-32), drücken wir unser Mitgefühl aus angesichts der Steinigung der Frau (Joh 8,1-11). Dieser letzte Abschnitt ist eine unabhängige Perikope, die manchmal nach Lk 21,38 in die Manuskripte eingefügt wurde: ein Evangelium in Bewegung, so instabil wie die Handschrift Jesu auf der Erde, eine Botschaft, die heute in einem neuen Ansatz neu geschrieben werden muss: „Geh und sündige von nun an nicht mehr“.

Denn auch heute noch werden Menschen gesteinigt, Menschen gehen auf den Straßen verloren, Menschen werden bei Katastrophen und in Kriegen getötet. Wir alle bedürfen der Erlösung. Unser Gebet, unser Fasten und unsere Solidarität werden der Welt die Tore des Heils öffnen! Ihnen allen eine gute Fastenzeit (… und jetzt schon Frohe Ostern!).

†  Jean-Pierre Delville, Ihr Bischof