Eine Fastenzeit ohne Navi

Liebe Brüder und Schwestern,

“Straße gesperrt”! Zu dumm! Dies ist die Art von Zeichen, die ein Autofahrer nicht gerne sieht. Zumal ihm sein Navi nicht mehr die richtige Richtung anzeigt: Es bringt ihn immer wieder an den Ort zurück, wo es nicht mehr weitergeht! Was nun? Man muss einen Umweg fahren, einen anderen Weg finden. Das ist umständlich, man verliert Zeit und Energie, aber man kann dadurch auch etwas entdecken. Wenn man einen neuen Weg einschlägt, muss man plötzlich genau hinsehen, wo man hinfährt. Alles ist neu; plötzlich sieht und beobachtet man die Landschaft. Schließlich lernt man etwas Neues, entdeckt neue Wege, neue Landschaften, neue Menschen…

Photo: © Gerd Altmann @pixabay.com

Dies gilt auch für unsere diesjährige Fastenzeit: Mit der Pandemie hat sich der Weg geändert und wir können unser Navi nicht mehr für die gewohnten Gottesdienste benutzen. Wir sind eingeschränkt in unseren Begegnungen, in unseren Gebetsmomenten, in unseren Projekten. Daher zwingt uns diese Fastenzeit, die Welt, unsere Kirche und uns selbst mit anderen Augen zu betrachten.

Auch die Jünger Jesu mussten ihre Sicht auf Jesus ändern. Dies ist, was wir in der Erzählung über die Verklärung an diesem 2. Fastensonntag, dem Vorabend des 1. März, entdecken: im Markusevangelium erscheint den Jüngern ein verklärter Jesus: „seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann“ (Mk 9, 3). Das Licht der Verklärung ist eine Vorfreude, ein Vorbote der Auferstehung Christi vor seiner Passion. Aber Jesus bittet seine Jünger, “niemandem zu erzählen, was sie gesehen haben, bevor der Menschensohn von den Toten auferstanden ist”, weil sie Jesus zunächst in seiner Passion und seinem Tod begleiten müssen. Sie müssen akzeptieren, dass sie das Licht für eine Weile nicht sehen werden.

Dieses Licht, das die Finsternis vertreibt, lässt uns an die Pandemie denken, die wir erleben, denn sie verbreitet unter uns Finsternis durch Krankheit, Armut, Angst und Isolation. Sie offenbart jedoch auch das Licht der Solidarität, der gegebenen Pflege, der erneuerten Freundschaft, des intensiven Gebets, der Pläne für die Zukunft in der Hoffnung auf eine bessere Welt. Wir entdecken unsere Zerbrechlichkeit und unsere Schwächen; aber wir reagieren, indem wir neue Kräfte in unserem Leben entdecken.

All dies lädt uns zur Bekehrung, zur Erneuerung des Herzens ein. Durch die seit einem Jahr durchlebte unangenehme und schmerzhafte Situation, haben wir die Notwendigkeit zur Umkehr erkannt. Zum Beispiel ist die Anwesenheit in unseren Kirchen und während unserer Versammlungen zahlenmäßig begrenzt, wir sind auf kleine Gruppen und kleine Gemeinschaften reduziert. Vielleicht ist dies die Gelegenheit, sich intensiver kennenzulernen, privilegierte Momente des gemeinschaftlichen Gebetes intensiver zu erleben und jene einzuladen, die noch nicht kommen konnten.

Die diesjährige Fastenaktion widmet sich der Demokratischen Republik Kongo, die dringend externe Hilfe zur Entwicklung ihres Landwirtschaftssektors benötigt. Miteinander Teilen, die NRO (Nichtregierungsorganisation) der katholischen Kirche für die Unterstützung von Entwicklungsprojekten, ist für die Verteilung der gesammelten Mittel zuständig und leitet diese an die Landwirtschaftsunternehmen weiter, die eine solidarische Landwirtschaft entwickeln und landwirtschaftliche Ausrüstung sowie Schulungen zur Nutzung innovativer Techniken benötigen. Um der Demokratischen Republik Kongo zu helfen, startet Miteinander Teilen auch eine Kampagne zur Schuldentilgung der Länder des Südens. Diese Schulden belasten diese Länder sehr, sind ungerecht, führen zur Verarmung der Bevölkerung und verhindern sowohl den Zugang zu Trinkwasser als auch eine autarke Versorgung mit Nahrungsmitteln. Dies sind die Projekte, die wir durch unsere Fastenkollekten unterstützen wollen. So werden wir nicht mehr ausschließlich auf uns selbst achten, sondern mit der gesamten Menschheit in einer mysteriösen Gemeinschaft vereint sein, die Leid, Tod und Auferstehung einschließt.

Lasst uns bereit sein, das Licht der Auferstehung Christi im Leben jedes Einzelnen zu empfangen und für das Heil der gesamten Menschheit zu beten.

Ihnen allen eine besinnliche Fastenzeit und jetzt schon Frohe Ostern!

† Jean-Pierre Delville, Ihr Bischof