Anschließend an meine pastoralen Besuche und anlässlich des Beginns der Fastenzeit, veröffentliche ich einen Hirtenbrief mit dem Titel « Der Lebensbaum: Symbol Christi und Emblem der Ökologie ».

© ASBL Septennales de Huy

Ich möchte durch dieses Dokument im Zeichen der Botschaft Christi meine Pastoralbesuche beleuchten, die gegenwärtigen Projekte in unserer Diözese hervorheben und zukunftsweisende Wege vorgeben. Ich beziehe mich zunächst auf die Inschrift eines Medaillons, das sich im Besitz der Stiftskirche von Huy befindet und von der Theologie eines berühmten Lütticher Mönchs aus dem 12. Jahrhundert namens Rupert von Deutz inspiriert wurde. Das Medaillon stellt den Baum des Lebens dar; der Satz, der aus der Offenbarung stammt, lautet: „[…] Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens“ (Offb. 2,7). Lasst uns einige Aspekte dieser Worte hervorheben, die Jesus in seiner Offenbarung an den Apostel Johannes gerichtet hat.

Wo von „siegen“ die Rede ist, muss es eine Prüfung und einen geistigen Kampf gegeben haben. Ich erwähne hier alle Menschen in unserer Diözese, die Opfer harter Prüfungen sind: Kranke, Flüchtlinge, Obdachlose, Opfer von Depression, Arbeitslose, Ausländer, finanziell Verarmte, gescheiterte junge Menschen.

Gleichzeitig erinnere ich an all jene, die sich dem Dienst an Menschen in prekären Situationen und dem damit verbundenen spirituellen Kampf verschrieben haben, um denen ihre Würde wiederzugeben, die am Rand der Gesellschaft stehen. Ich trage auch den geistigen Kampf eines jeden von uns in meinem Herzen, um intensiv die Liebe zu leben, zu der wir berufen sind. Und schließlich denke ich an den geistigen Kampf unserer christlichen Gemeinden, die versuchen, die Botschaft des Evangeliums wirksam und aufrichtig zu leben. Ich habe all diese Erfahrungen persönlich während meiner Pastoralbesuche gemacht und danke allen, die sich für diese Dienste einsetzen.

Bei den Worten „Essen geben“ denke ich daran, was Christus uns zu essen gibt: das Wort Gottes und das Brot des Lebens. Diese Gabe, die wir empfangen, geben wir durch die Katechese und die Feier der Sakramente weiter. Dies sind Aufgaben, die aus einem Geschenk erwachsen. In unserer Diözese werden Katechese und Gottesdienste dank der neuen Katechetischen Richtlinien, die seit einem Jahr vorbereitet und am 16. März in der Kathedrale veröffentlicht werden, enger verbunden. Dankbar blicke ich auf die geleistete Arbeit zurück und setze meine Hoffnung in die Früchte, die aus diesen Richtlinien entstehen werden. Die Verkündigung des Wortes Gottes und das liturgische Leben ermöglichen es uns, in unserer Gesellschaft kommunikativ zu bleiben.

Auf der Suche nach der Bedeutung des „Lebensbaumes“ wird mir bewusst, dass er vor allem das Zentrum des irdischen Paradieses im Buch Genesis ist, dass aber niemand seine Früchte genießen konnte, da das Paradies geschlossen und von Kerubim bewacht wurde (Gen 3,24). Als jedoch Christus sein Leben gab und am Kreuz starb, wurde es zum neuen Baum des Lebens, der uns Leben in Fülle gibt. Wie Rupert in seinem Kommentar zur Offenbarung schreibt (Patrologia latina, 169: 879): „Dieser Baum des Lebens, der Christus ist, stellt uns durch seinen Körper und sein Blut wieder her; und schon jetzt erhebt er unsere Seelen vom Sündentod und wird unser Fleisch am letzten Tag auferstehen lassen.“ Ewiges Leben ist uns bereits jetzt gegeben, wenn wir unsere Herzen der Bekehrung öffnen. Das Symbol des Baumes erhält auch eine neue Bedeutung durch die Sorge um die Umwelt und eine ganzheitliche Ökologie, wie sie Papst Franziskus in der Enzyklika Laudato si fordert. Der Baum ist das Symbol eines Lebens, das durch soziale Gerechtigkeit und ganzheitliche Entwicklung erhalten werden soll. Der Baum gibt uns somit die Hoffnung auf eine neue Welt. Und das Thema der Fastenaktion – Gerechte Welt! – lädt uns ein, diese neue Welt mit einem besonderen Augenmerk für Burundi und den Kongo zu schaffen.

Zwei Engel bewachen den Baum des Lebens: es sind die Kerubim, die eine Inschrift des Medaillons als Barmherzigkeit und Wahrheit identifiziert: „Alle Wege des Herrn sind Barmherzigkeit und Wahrheit“ (Psalm 24,10). Das erlaubt mir, Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Die Wahrheit weist uns den Weg zur Mitteilung des Glaubens in unserer Gesellschaft, durch die Medien (Dimanche, RCF, unsere Website, unsere lokalen Medien), durch unsere erneuerte Katechese, durch unsere Bibelpastoral und unseren missionarischen Einsatz, wie es in unseren Pfarrverbänden vorgesehen ist. Die Wahrheit fordert Gründlichkeit: Ich denke an all die Anstrengungen, die unternommen wurden, um eine angemessene Verwaltung innerhalb unserer Pfarrverbände, Vereinigungen und Kirchenfabriken aufzubauen (s. Dokument Projekt 2020 des Vikariates des Temporären, das in Kürze veröffentlicht wird).

Die Barmherzigkeit ist die Grundlage für einen Geist der Brüderlichkeit, Solidarität und Herzlichkeit, den wir in unseren Gemeinschaften, Pfarren und religiösen oder spirituellen Bewegungen verbreiten sollen. Sie öffnet uns für den Dialog mit den anderen Religionen und mit den anderen christlichen Konfessionen. Sie ist der Antrieb unseres erneuerten Engagements für junge Menschen, Familien, Menschen in Not und Flüchtlinge. Die Initiativen in diesen Bereichen sind zukunftsweisend und ermutigend.

So wächst und entwickelt sich der Lebensbaum in uns und um uns herum. Daran erinnern uns zwei biblische Sprichwörter, die vom Baum des Lebens sprechen. Das erste sagt uns: „Ein Lebensbaum ist die Weisheit denen, die nach ihr greifen; wer sie festhält, ist glücklich zu preisen“ (Spr 3,18). So wächst der Baum des Lebens in uns wie die Weisheit. Außerdem kann sich der Baum des Lebens vermehren und seine Früchte können woanders gepflanzt werden. Dies ist es, was das andere Sprichwort vorschlägt: „Die Frucht des Gerechten ist ein Lebensbaum, und der Weise gewinnt Lebensfülle“ (Spr. 11,30). Der Baum des Lebens produziert Früchte, die neue Bäume wachsen lassen, Symbole neuer Gläubiger. Auf diese Weise kann unsere Diözese zu einem Garten für einen Lebensbaum werden, der seine Früchte einpflanzt und sie zu neuen Bäumen heranwachsen lässt. Ein wahres Paradies!

+ Jean-Pierre Delville, Ihr Bischof