Wie der Nebel sich lichtet…

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Nach der Tragödie, die uns 2020 mit der Coronakrise trotz unserer guten Wünsche am 1. Januar 2020 widerfahren ist, ist es da erlaubt, ein frohes neues Jahr zu wünschen? Was ist die wahre Bedeutung eines Neujahrswunsches? Reine Illusion? Bloßer Aberglaube? Vielleicht. Weder Mistelsträuße noch beharrliche Gebete haben uns vor der Pandemie gerettet…

Im Mittelalter begann das neue Jahr zu Ostern, also im März: Die Monate September, Oktober, November, Dezember erinnern uns an den Brauch, da sie jeweils der siebte, achte, neunte und zehnte Monat des Jahres waren. Dies hatte seinen Sinn: Das neue Jahr begann mit dem Drama um den Tod Jesu und mit der Freude über seine Auferstehung. “Mors et vita duello conflixēre mirando“, heißt es in der Ostermesse: “Tod und Leben standen sich in einem gewaltigen Duell gegenüber“.

Zu Beginn dieses Jahres 2021 könnte man dasselbe sagen. Zuerst haben wir Weihnachten mit der Armut von Maria, Joseph und Jesus in Bethlehem erlebt. Kein Schnickschnack, aber mit großer Inbrunst. Und die Liturgie des Wort-Gottes-Sonntag (am 24. Januar 2021, 3. Sonntag im Jahreskreis B) wird uns bald daran erinnern, dass das Wort Gottes aus dem Drama der Gewalt hervorgeht: „Nach der Verhaftung von Johannes dem Täufer begab sich Jesus nach Galiläa, um die Frohe Botschaft Gottes zu überbringen“ (Mk 1,14). Nach dem plötzlichen Tod des großen Propheten Johannes der Täufer verkündet Jesus das Wort Gottes. Die Botschaft des Evangeliums wird vor dem Hintergrund von Tragödie und Gewalt verbreitet, und dies bis zum heutigen Tage, wenn auch in einer erneuerten Form.

Photo: © Sasin Tipchai @pixabay.com

Aus diesem Grund habe ich meinen Hirtenbrief vom 3. November 2020 für die Zeit des zweiten Lockdowns mit dem Titel “Wie der Nebel sich lichtet” versehen. In der Tat stehen wir im Nebel. Aber ein Licht durchdringt den Nebel und lässt uns einen neuen Tag entdecken. Ja, trotz der erlebten Tragödien bricht ein neuer Tag an. Viele von uns leiden unter Krankheit und Erschöpfung, unter dem Einsatz im Dienst der Leidenden, unter der Wirtschaftskrise, unter dem Gewicht der Verantwortung, unter verschärften Konflikten, unter dem wiederaufkeimenden Leid der Vergangenheit, unter unsicheren Zukunftsaussichten, dem Stillstand im Gemeindeleben, dem verweigerten Zugang zu den Sakramenten… Wird unsere Gesellschaft Narben davontragen? Wird unsere Kirche am Boden liegen oder noch schöner aufblühen?

Ich hoffe inständig, dass uns unsere erzwungene Abstinenz von Gottesdiensten und Begegnungen den ernsthaften Wert dessen bewusstgemacht hat, was uns vorenthalten wurde. Gemeinsam beten, sich brüderlich versammeln, das ist kein Luxus für idealistische oder untätige Menschen. Es ist eine Lebensnotwendigkeit, um das emotionale und spirituelle Leben der Menschheit zu nähren. Das Gebet ist keine Magie, es geht nicht darum, Gott auf die Probe zu stellen, damit er uns rettet wie Zorro. Es öffnet unsere Herzen für den Geist Gottes, der in unserer Menschlichkeit wirkt, um uns zu retten und zu inspirieren.

Der Jahresbericht der katholischen Kirche in Belgien für 2019 zeigt dies deutlich: Die Kirche ist in jeder Phase des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod präsent, um uns auf unserem beschwerlichen Lebensweg zu begleiten und ihn zu einem aufregenden Weg zu machen, der dazu beiträgt, die Zukunft der Menschheit zu gestalten.

Trauen wir uns also, uns gegenseitig ein Frohes Neues Jahr 2021 zu wünschen! Nicht in einem magischen Geist, sondern in einem Geist des Glaubens! Vielleicht wird das Jahr 2021 schlechter als das Jahr 2020. Die Weltlage ist alles andere als friedlich und ruhig, sie ist zerbrechlich und prekär. Doch durch die Prüfungen sind die Menschen stärker geworden, Projekte wurden gefestigt, die Motivation wurde gestärkt. Lasst uns also Prüfungen widerstehen und an Christus glauben, der der einzige ist, der Tod in Leben und Unglück in Glück verwandelt. In diesem Sinne wünsche ich allen ein Frohes Neues Jahr!

+ Jean-Pierre Delville, Ihr Bischof