Brief zum Gründonnerstag, dem 9. April 2020,
an die Priester und Diakone,
Seelsorger und Pfarrassistentinnen
und an die Ordensleute 

Der Urknall unseres Glaubens

Liebe Freunde,

In dieser Zeit der Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie sende ich euch eine Botschaft der Verbundenheit und Solidarität. Die auferlegten Einschränkungen belasten uns psychologisch und wirtschaftlich. Angesichts der Ansteckungsgefahr herrscht auf allen Ebenen Angst. Ihr wolltet den Gläubigen bei dieser Prüfung beistehen und ihnen nahe sein. Wenn ihr in den Pfarreien tätig seid, habt ihr aus erster Hand das Fortschreiten der Epidemie bei Beerdigungsfeiern miterlebt, zunächst im kleinen Kreis in den Kirchen, dann auf Friedhöfen unter freiem Himmel. Ihr seid den betroffenen Familien begegnet. Ihr habt den Dienst mutig geleistet, und ich danke euch. Ich danke auch den Bestattungsunternehmern, die ihr Möglichstes tun, um den Hinterbliebenen zu dienen. Durch euren täglichen Kontakt habt ihr gespürt, wie unerwartet unsere Gesellschaft mit Leid, Zerbrechlichkeit und Tod konfrontiert ist. In diesem Zusammenhang habt ihr den Gebetsdienst aufrecht erhalten und euren Gemeindemitgliedern und euren Gemeinschaften Hausgottesdienste übermittelt und sie zum Gebet im Kreise der Familie eingeladen, indem ihr über YouTube, Facebook oder andere technische Mittel Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder Texte zur Feier des Gottesdienstes angeboten habt. Dadurch habt ihr den Glauben der Christen auf neue Weise angeregt und konntet spüren, wie die Botschaft des Evangeliums in diesen Krisenzeiten einen neuen Anklang gefunden hat.

Wir können unser Oster-Triduum nicht gebührend begehen, was noch nie vorgekommen ist. Unsere Chrisam-Messe ist auf die Zeit nach den Sommerferien, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, verschoben worden. Sie wird den Priestern und Diakonen die Gelegenheit geben, ihr Weihegelöbnis zu erneuern. Das Abendmahl am Gründonnerstag wird ohne die Gemeinschaft stattfinden. Es wird noch intimer sein als das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen zwölf Jüngern in einer Atmosphäre der Bedrohung und Unsicherheit, die dem ähnelt, was wir heute erleben, abhielt. Wir werden auf spürbare Weise, im heutigen Licht der Dinge, den Sinn einer der Hauptaussagen Jesu verstehen, der sein Leben anbot, indem er Brot brach und sagte: « Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird » (1. Kor 11, 24). Ob ihr nun vor Ort an einem Gottesdienst teilnehmen könnt oder zu Hause einer von den Medien übertragenen Feier beiwohnt oder ob euch eine solche Möglichkeit nicht gegeben ist, so wird doch ein jeder von euch diesen Moment in materieller Einsamkeit erleben, die jedoch von einer unsichtbaren Brüderlichkeit getragen wird. Es ist wie beim Urbi et Orbi Segen, den Papst Franziskus am 27. März in Rom auf einem leeren Petersplatz gegeben hat. Aber das Allerheiligste Sakrament des Leibes Christi, das er in seinen Händen hielt, war das Zeichen einer unsichtbaren Gegenwart und einer neuen Energie, der des auferstandenen Christus, der in uns wirkt. Das von Jesus gefeierte Abendmahl am Gründonnerstag ist wie der ursprüngliche Urknall unseres Glaubens. Alles ist mit konzentrierter Energie vorhanden. Wir entdecken sie dieses Jahr wieder, durch die Schlichtheit der Gottesdienste und die Stärke der Botschaft, die sie verbreiten.

In diesem Sinne und mit dieser von Christus empfangenen spirituellen Kraft lade ich euch ein, regelmäßig mit denen in Verbindung zu bleiben, die unter einem Krankenhausaufenthalt oder einem Trauerfall leiden. Ich ermutige euch, eure Gläubigen durch verschiedene Kommunikationsmittel zu begleiten, wie z. B. ein ausführlicheres Pfarrblatt, Mitteilungen über Internet, Vorschläge für Hausgebete. Nutzt diese besondere Zeit, die euch von zahlreichen Versammlungen und Gottesdiensten befreit, um den telefonischen Kontakt mit euren Pastoralteams, Kontaktgruppen, PV-Räten, Katecheten, Kirchenfabriken, Küstern und verschiedenen Mitarbeitern wieder aufzunehmen. Ihr, die Priester, behaltet das Herz eines Hirten, der sich um das Leben und Wohlergehen seiner Gemeindemitglieder sorgt, auch wenn ihr mehr Zeit zu Hause verbringt und ihr euch endlich die Zeit nehmt, euren Garten zu pflegen oder euer Büro aufzuräumen.

An euch, die ihr älter seid, richte ich mich auf persönliche Weise, um euch zu ermutigen, entspannt, betend und vertrauend zu bleiben. Ich kann mir vorstellen, wie beschwerlich eine solche Ausgangsbeschränkung sein kann. Bereits in normalen Zeiten leben einige von euch in sozialer Isolation oder Einsamkeit; aber jetzt kann man sich verlassen und seiner Not ausgeliefert fühlen. Das Coronavirus zeigt unsere Verwundbarkeit und unsere menschliche Schwäche. Und doch enthält diese ihren kreativen Teil. Denn sie gibt uns neue innere Kraft. Wir können diese Zeit als eine spirituelle Einkehr sehen. Euer Alter birgt Reife, Weisheit, Stille, bereichernder als jeder Wortschwall, Innigkeit, Erstaunen. Eure Lebenserfahrung erleuchtet uns für die Zukunft. Deshalb hat meine Osterbotschaft an die älteren Menschen in unserem Bistum folgenden Titel: « Helfen Sie uns, beim Aufbau einer besseren Welt!“ In den kommenden Monaten wird das Bistum eine Person einstellen, um die Begleitung von Priestern eines bestimmten Alters nachhaltiger und effektiver zu gestalten und dies mit der Unterstützung der Unterkommission für die Gesundheit der Priester (Socosap) des Priesterrats.

Euch allen, die ihr euch intensiv in der Kirche engagiert, ob als Priester, Diakone, im Pastoralteam, als Pfarrassistenten, als Ordensleute, möchte ich meine Unterstützung für die Erfüllung eures Dienstes und eurer Aufgaben zusichern. In der Kirche, die aus dieser Krise hervorgehen wird, wird ein neues Bewusstsein erstehen, geprägt von Freundschaft, Nähe und Spiritualität. In der Welt, die aus dieser Krise wiedergeboren wird, muss eine neue weltweite und lokale Solidarität geschaffen werden. Wie ich in meiner Fastenbotschaft „Wächter, wie lang ist noch die Nacht?“ vom 26. März schrieb: „Daher ist das Leid aufgrund des Coronavirus für uns eine Zeit der spirituellen Inkubation, eine Zeit der Meditation, die uns lebenswichtige Energien geben wird, um die Zukunft zu gestalten. Es weckt spirituelle Kräfte in uns, so dass wir reagieren, überleben und uns auf neue Weise engagieren können. So werden wir unser Osterfest als einen wirklichen Tod für uns selbst und für unseren Stolz leben, um von Christus das wahre Leben zu empfangen, das ewigen Wert hat“. Neue Initiativen könnten das Zeichen dieser neuen Gesellschaft sein. Die Regularisierung der Situation der papierlosen Migranten, die schon lange nach Belgien kommen, wäre sehr nützlich, um zu vermeiden, dass diese Menschen Opfer der Pandemie werden und nach ihrer Integration können sie dazu beitragen, unsere Gesellschaft mit ihrer Vitalität wiederzubeleben, wie es Jan De Volder am 2. April auf www.cathobel.be schrieb.

Um dieses Ostertriduum (Passion Christi) auf alternative Weise zu feiern, findet ihr auf der Website des Bistums unter www.evechedeliege.be nützliche Dokumente, u.a. vorbereitete Hausgottesdienste vom Vikariat für die Verkündigung des Evangeliums, vom Pfarrverband Sankt-Vith und vom Pfarrverband Eupen-Kettenis (Gründonnerstag und Ostern), sowie Gebetsvorschläge. Unter dem Link https://www.evechedeliege.be/news/vivez-la-semaine-sainte-sur-rcf/ findet ihr auch Informationen zu den Gottesdiensten, die RCF an jedem Tag des Ostertriduums um 20 Uhr auf FM 93.8 sendet.

Auch wenn dieser Gründonnerstag keine reelle Fußwaschung ermöglicht, lasst uns eine spirituelle Fußwaschung durchführen, um Christus treu zu bleiben, der sagte: « Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“(Joh 13,15). Möge die Feier des Gründonnerstags ohne sakramentale Gemeinschaft ein Zeichen der Hoffnung für eine größere Gegenwart Christi in unserem zukünftigen Leben sein. So wird Ostern wirklich ein Übergang vom Tod zum Leben, vom Leid zur Freude sein!

+ Jean-Pierre Delville, Bischof von Lüttich.

Jubilare 2020 • Priester und Diakone