Botschaft zur Fastenzeit, 25. Februar 2020

 

Die Fastenzeit: spirituelle Schwangerschaft und Geburt

 

Liebe Brüder und Schwester,

Bereiten wir uns darauf vor, die vierzigtägige Fastenzeit intensiv zu leben! Lasst uns die Bedeutung dieser auferlegten Probezeit herausfinden! Durch unsere persönliche Bekehrung bereiten wir uns vor, die neue Geburt, die Christus uns schenkt, zu empfangen.

Vierzig: ein erstaunliches Symbol

Hier liegen vierzig Tage vor uns: „Carême“, das französischsprachige Wort für Fastenzeit, bedeutet „vierzig“ (lateinisch „Quadragesima“).

Anton Jauregui (unsplash.com)

Sie erinnern an die vierzig Tage, die Christus in der Wüste verbracht hat (Mt 4,1-11).
Sie erinnern an die vierzig Jahre, die das Volk Israel in der Wüste verbracht hat, als es aus Ägypten in das verheißene Land auswanderte (Ex 3,7-10).
Vierzig Tage wie die vierzig Schwangerschaftswochen einer Frau. Wie mir ein Arzt erklärte, sprechen wir bei einer Schwangerschaft von neun Monaten; aber tatsächlich sollten wir über zehn Mondmonate oder vierzig Wochen sprechen!

Eine Geburt dauert vierzig Wochen, eine Auferstehung vierzig Tage! Daher kann man die Fastenzeit mit einer Schwangerschaft, und die Auferstehung mit einer Geburt vergleichen. Sie ist ein erstaunliches Symbol! Wie die Schwangerschaft ist die Fastenzeit ein Moment, der den Körper auf die Probe stellt; ein Moment, während dem sich das Leben entwickelt; ein Moment, in dem neue Beziehungen aufgebaut werden; ein Moment, der zur Geburt, zum Licht und zur Auferstehung führt. Somit ist unsere Fastenzeit im Mikrokosmos (d.h. im menschlichen Körper) verankert.

Eine spirituelle Geburt

Jonathan Borba (unsplash.com)

Und auf folgende Weise ist sie im Makrokosmos (d.h. im Universum) verankert. Wenn eine Schwangerschaft zehn Monde dauert, so dauert die Fastenzeit eineinhalb Monde. Sie beginnt mit einer mondlosen Nacht um den Aschermittwoch und endet um den Gründonnerstag mit dem Vollmond an Ostern, dem Tag des jüdischen Passahfestes. Die Fastenzeit führt uns von der Dunkelheit ins Licht. Sie verbindet uns mit der Passion Christi, seinem Tod und seiner Auferstehung.

Dies ist der Weg, der Katechumenen angeboten wird, die sich auf die Taufe vorbereiten. Deshalb lesen wir in diesem liturgischen Jahr A die großen Geschichten des Johannesevangeliums über die Begegnungen von Jesus, die eine Auferstehung bewirken: mit der Samariterin, dem Blinden und mit Lazarus. In unserer Kirche beziehen sich diese Texte insbesondere auf die Vorbereitungszeit auf die Taufe für die Katechumenen. Wie die Samariterin sind die Taufkandidaten eingeladen, sich zu bekehren. Wie der Blinde sind sie gerufen, sich erleuchten zu lassen. Wie Lazarus sollen sie eine Auferstehung erleben. Somit durchleben die Katechumenen eine spirituelle Schwangerschaft und Geburt.

Die Umkehr oder spirituelle Schwangerschaft

Diese Schwangerschaft als Vorbereitungszeit für eine spirituelle Geburt aufzufassen, ist ein Weg der Umkehr. Es ist der Weg, der uns persönlich während dieser Fastenzeit vorgeschlagen wird, um zu einem neuen Leben, einer neuen Geburt zu führen. Gleichzeitig sind wir alle, unabhängig von unserem Alter, dazu aufgerufen, eine Bekehrung unseres Herzens und eine Auferstehung in unserem Leben zu erleben. Denn dazu ist es nie zu spät. Der Aschermittwoch gibt uns die Möglichkeit zur Umkehr und lädt uns ein, uns durch Gebet, Fasten und Teilen darauf vorzubereiten (Mt 6,1-6.16-18).

Gebet, Fasten und Teilen

Welches Gebet? Ich möchte, dass eure Gebete dieses Jahr im Zeichen meines Hirtenbriefs „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde!“ stehen. Meditiert den Bibeltext (Gen. 12,1), denn er ist ein Pfeiler für die Kommunikation des Glaubens. Ich lade euch ein, mir euer Feedback zu diesem Hirtenbrief zu geben, indem ihr die darin aufgeführten Fragen beantwortet. Oder berichtet mir über eine Besonderheit, ein Gefühl oder ein Projekt im Zusammenhang mit diesem Brief und dessen Einladung zur Mission (secretariat.mgrdelville@evechedeliege.be). Das Gebet wird euch die Freude schenken, Gott und euren Brüdern und Schwestern näher zu kommen.

Welches Fasten? Ein Firmling fragte mich kürzlich: „Während der Fastenzeit müssen wir ein „karges Mahl“ halten; was bedeutet das: ‘karges Essen’? Ich würde mich gerne daran halten!“ Ich war erstaunt über diese Frage und versuchte, sie so gut wie möglich zu beantworten. Ich empfahl ihm, freitags, in Anlehnung an die Leiden Christi, abstinent zu sein. Ich empfehle also allen Abstinenz und Fasten am Freitag in Vereinigung mit Christus, der in der Wüste fastete. Ich erinnere die Erwachsenen an die Verpflichtung, am Aschermittwoch (26. Februar) und am Karfreitag (10. April) zu fasten. Dies ist vergleichbar mit einer Schwangeren, die ihre Ernährung während der Schwangerschaft überwacht. In dieser ökologisch sensiblen Zeit erhält das Fasten eine neue Dimension: den Respekt der Schöpfung und die Förderung eines maßvollen Lebens.

Welches Teilen? Teilen ist ein konkreter Weg, Solidarität und Nächstenliebe in unserem Leben auszuüben. In diesem Jahr widmet sich die gemeinsame Fastenaktion Haiti. Die Situation auf dieser Insel ist besonders leidvoll und schwierig. Nach dem Erdbeben von 2010 wurde das Land zerstört und ist noch nicht aus seinen Ruinen erstanden. Miteinander Teilen hat zukunftsträchtige Projekte zum Wiederaufbau gefunden, die Hoffnungsträger und solidarische Akteure sind. Dies sind die Projekte, die wir durch unsere Fastenzeitkollekten unterstützen werden. So werden wir nicht länger auf uns selbst konzentriert, sondern mit der gesamten Menschheit in einer geheimnisvollen Gemeinschaft vereint sein, die Leiden, Tod und Auferstehung mit einschließt.

Lasst uns in dieser Fastenzeit unsere Herzen mit Gott und unseren Brüdern und Schwestern vereinen. Lasst uns eine Bekehrung in Gemeinschaft mit den Katechumenen leben, die die Taufe empfangen werden. Lasst uns bereit sein, die Gnade der Auferstehung Christi im Leben eines jeden Einzelnen zu empfangen und für das Heil der gesamten Menschheit zu beten. Möge diese Reifezeit uns zur Auferstehung führen!

Ihnen allen eine besinnliche Fastenzeit!

† Jean-Pierre Delville, votre évêque.