Predigt – Begräbnismesse von Karl Gatzweiler

Pfarrkirche Sankt Nikolaus, Raeren

19. August 2020

Liebe Mitbrüder, liebe Familie Gatzweiler, liebe Brüder und Schwestern im Glauben an den auferstandenen Herrn!

Nur 100 Leute dürfen heute hier in der Pfarrkirche das Auferstehungsamt für unseren Mitbruder, Ihren Bruder und euren Onkel mitfeiern. Lieber Karl! Ohne Corona-Einschränkungen wären einige Hundert Menschen nach Raeren gekommen, um dankbar Abschied von dir zu nehmen, um die Hoffnung auf Auferstehung zu feiern, die du so oft und überzeugend erklärt und verkündet hast.

Wir haben eben ein Wort des Apostels Paulus an seinen Schüler und Mitarbeiter Timotheus gehört:

Verkünde das Wort, tritt auf,
ob gelegen oder ungelegen,
überführe, weise zurecht, ermahne,
in aller Geduld und Belehrung!
Denn es wird eine Zeit kommen,
in der man die gesunde Lehre nicht erträgt,
sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht,
um sich die Ohren zu kitzeln;
und man wird von der Wahrheit das Ohr abwenden,
sich dagegen Fabeleien zuwenden.
Du aber sei in allem nüchtern,
ertrage das Leiden,
verrichte dein Werk als Verkünder des Evangeliums,
erfülle treu deinen Dienst.

Wir möchten alle heute Dank sagen für die Begeisterung, die Überzeugungskraft und die Einfachheit, mit denen Karl Gatzweiler den Dienst an der Verkündigung des Evangeliums treu erfüllt hat. Wie der Sämann im Evangelium hat er das Wort Gottes großzügig ausgestreut und wahrscheinlich genau so die unterschiedlichen Erträge festgestellt.

Im Laufe der Jahre haben sehr viele Männer und Frauen im In- und Ausland in einer unserer drei Landessprachen Karl Gatzweiler als einen begnadeten und außergewöhnlichen Verkünder und Ausleger der Frohen Botschaft erlebt. In unzähligen Vorlesungen, Kursen, Vorträgen und Predigten, in zahlreichen Exerzitien haben gläubige, zweifelnde und suchende Menschen Halt und Licht von ihm empfangen.

In Karl Gatzweiler hat der Herr einen sprudelnden, aber vor allem einen demütigen Sprecher gefunden. Er war ein echter Diener des Evangeliums. 

Dasselbe gilt für seinen langjährigen Dienst als Generalvikar. In seinem geistlichen Testament schreibt er: „Als Verantwortlicher habe ich das persönliche Verhältnis zwischen Amtsbrüdern zu fördern versucht.“ Das werden alle, die ihn gekannt haben, bestätigen.

Neben dieser Sorge um ein gutes Miteinander hat er mit Weitblick, mit Mut und Tatkraft die Weichen für eine den Entwicklungen der Pfarren gerecht werdende Struktur zu stellen versucht. Zusammenarbeit zwischen Pfarren wurde wegen weniger aktiver Christen und weniger Priester stets notwendiger. Stets war sein Hauptanliegen, die Sendung der Kirche im Sinne des Konzils zu verwirklichen. 

So war Karl Gatzweiler durch und durch Diener des Wortes und Diener der Kirche und damit Diener der Menschen. – wie Jesus es uns vorgelebt hat.
Schlussendlich will das Evangelium uns zum Handeln in seinem Geist ermutigen.
So hat Karl Gatzweiler uns durch sein Leben gezeigt, was Christsein bedeutet und wie es aussehen kann. Er selbst beschließt sein geistliches Testament wie folgt: „Eins ist ganz sicher: Die heutige Kirche ist berufen und herausgefordert, unserer heutigen Welt das Evangelium zu bezeugen, in Wort und Tat. Ich diskutiere viel, aber ich handele zu wenig.“ Dieses Bekenntnis ehrt ihn, und manche unter uns wissen, dass dem nicht so war und dass er  nicht wenigen tatkräftig  geholfen hat.

Am Ende seines Lebens konnte unser lieber Verstorbener schon mit Paulus sagen:

Ich habe den guten Kampf gekämpft,
den Lauf vollendet, die Treue bewahrt.

Liebe Schwestern und Brüder! Die ersten Jünger haben Jesus gefragt: „Wo wohnst du?“ Ich sage mir oft, dass sie damit wohl mehr gemeint haben als seine Wohnung oder seine Adresse. Sie haben wohl erfahren wollen, wo er zu Hause, wo sein Daheim ist, wo der Brunnen ist, aus dem er das Leben spendende Wasser schöpft. Letztlich geht es um das Geheimnis seines Lebens und Wirkens.

Ich habe mir diese Frage auch für meinen Freund und Mitbruder Karl gestellt: „Woraus hast du geschöpft, um dein Leben so zu gestalten, wie du es uns hast sehen lassen?“
Ich möchte Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, eine Antwort aus meiner Sicht zu geben versuchen, nachdem ich über das Tun und Lassen unseres lieben Verstorbenen nachgedacht habe, den ich fast 60 Jahre kennen durfte.

Ich bin fest davon überzeugt, dass mehrere Quellen seinen Werdegang und sein Leben bis zum Ende geprägt und genährt haben. Ich nenne deren drei.

  1. Zunächst sind da das Elternhaus, die Familie (bis zuletzt!), die Heimatpfarre mit ihren Pfarrern und Kaplänen, das Heimatdorf ganz allgemein. Ist es nicht auffallend, dass das geistliche Testament mit dem Satz beginnt: „Ich bin katholisch, ein christgläubiger Mensch.“ Bis zu seinem Lebensabend im Marienheim ist das so geblieben. Sind das nicht die tiefen Wurzeln, die einen Menschen ein Leben lang nähren und ihm in den Stürmen des Lebens Halt geben?
  1. An zweiter Stelle sehe ich die tiefe und lebendige innere Einheit von weiser Klugheit, theologischem Wissen und Offenheit für die oft harte Wirklichkeit des Lebens. Immer wieder betrachtet er die Welt mit den Augen des Evangeliums. Dazu haben vor allem die Lütticher Arbeiterpriester ihn angeregt und ermutigt. Hören Sie zum Beispiel seine kritischen Überlegungen zur Mentalität  von uns Menschen heute: „Wir suchen Wohlstand und Erfolg. Wir leben Individualismus und Egoismus. Wir wollen das Leben genießen. Sind wir nicht in die Anbetung des Goldenen Kalbes verfallen? Unsere Welt ist gottlos.“
  2. Eine dritte Quelle, wohl die wichtigste, will ich noch hervorheben: das Gebet, das Wort Gottes und die Eucharistie. Darüber hat sich Karl Gatzweiler kaum laut geäußert. Es genügt jedoch, seine Predigten und Vorträge gehört  und ihn bei der Feier der Eucharistie erlebt zu haben. In seinem Testament sagt er: „Das Wort Gottes und die Eucharistie sind wesentlich für den Katholizismus.“

Liebe Schwestern und Brüder! Wir danken Gott, dass Er Karl so reich beschenkt, ja begabt hat, und danken Karl, dass er uns so beschenkt hat im Laufe seines Lebens. In dieser Dankbarkeit wollen wir nun beten und das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung des Herrn feiern. Geheimnis des Glaubens – im Tod ist das Leben! Amen.

+ Aloys Jousten, em. Bischof von Lüttich.