Predigt vom 6. Sonntag der Osterzeit

Firmung in Hauset und Raeren

Samstag, 25. Mai 2019.

Liebe Brüder und Schwestern,
Liebe Firmlinge,

Ihr seid heute an diesem besonderen Tag anlässlich eurer Firmung mit euren Paten, Eltern, Familien und Freunden als Teil der Gemeinschaft dieses Pfarrverbandes anwesend. Was wird uns durch dieses Sakrament übermittelt, welches ist seine Botschaft? Das Sakrament der Firmung schenkt uns den Geist Jesu, den Geist der Liebe.

Jesus von Nazareth starb jedoch vor zweitausend Jahren. Man könnte meinen, er sei nicht mehr aktuell. Doch tatsächlich wollte Jesus, dass seine Botschaft immer auf dem neuesten Stand gebracht wird, nie an ihrer Aktualität verliert oder eingeforen und kaltgestellt wird! Daher sandte er seinen Geist; das heißt seinen Lebensatem, seine Flamme der Liebe, damit er uns heute belebt. Dies feiern wir mit dem Sakrament der Firmung: die Gabe, das Geschenk des Geistes, also die Aktualisierung der christlichen Botschaft und ihrer Präsenz in der modernen Welt.

Ihr habt gerade im Evangelium gehört, wie Jesus seinen Jüngern seinen Geist verheißen hat (Joh. 14,23-26): „Der Heilige Geist […] wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Mit dem Geist gehört die Lehre Jesu nicht nur der Vergangenheit an, sondern auch der Gegenwart. Der Geist Jesu ist für uns sowohl Anwalt, als auch Beistand und Fürsprecher (« Paraklet »). Er fordert uns auf, das von Jesus Gesagte und Gelebte in der Gegenwart vorzuleben. Er lädt uns ein, Jesus so zu lieben, wie er uns liebt. Er lädt uns ein, uns geliebt zu fühlen. Es ist sicherlich eine der stärksten Erfahrungen im menschlichen Leben, sich geliebt zu fühlen. Umgekehrt, wenn man nicht geliebt wird, leidet man sehr, man fühlt sich verletzt, man sagt « Der da mag oder liebt mich nicht ». Wir sind dann verwirrt oder unsicher. Aber wenn wir geliebt werden, fühlen wir uns getröstet, ermutigt und gestärkt. Deshalb verspricht uns Jesus, dass wir von ihm und seinem Vater geliebt werden. Jesus verspricht, dass er kommt, um in unseren Herzen zu leben, dass er sich uns verpflichtet fühlt: „Wenn jemand mich liebt, sagt Jesus, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“ Somit lebt Gott in unseren Herzen und beschützt uns. Diese Gabe des Geistes findet an Pfingsten statt.

Am diesen Tag der Pfingstfeier, wird dieser heilige Geist an alle Jünger Jesu verteilt. In der jüdischen Welt erinnert das Pfingstfest an die Manifestation Gottes am Berg Sinai und die Gabe des Dekalogs, der zehn Worte des Lebens, oder der Zehn Gebote, die an Moses und das Volk weitergegeben wurden. So waren die Jünger Jesu am Pfingstfest versammelt, wie uns die Apostelgeschichte berichtet (Apg 2, 1-11). Trotz des Todes Jesu blieben die Jünger zusammen in Begleitung von Maria und anderen Frauen und befanden sich in demselben Raum, in dem sie das letzte Mahl mit Jesus, dem letzten Abendmahl, hatten. Sie blieben trotz der körperlichen Abwesenheit Jesu treu. Diese Treue im Gebet hat es ihnen ermöglicht, zusammen eine außergewöhnliche Erfahrung zu machen, ein neues Pfingsten, eine neue Manifestation Gottes, einen neuen Berg Sinai, und das Geschenk eines neuen Wort Gottes: Sie erhalten die Gabe des Geist Gottes, des Heiligen Geistes und die Gabe einer neuen Frohen Botschaft, das Geschenk der Zungen. Auf die gleiche Weise, durch das Sakrament der Weihe oder Firmung, empfangen junge Menschen und Erwachsene heute diese Gabe des Heiligen Geistes, diese neue Gegenwart Gottes und Sein Wort in ihnen.

Geist bedeutet Atem. So wird der Heilige Geist von den Jüngern in Form eines heftigen Atems, eines Windstoßes gehört, der das Haus, in dem sie sich befanden, erschüttert. Man könnte sagen, dass dieser Windstoss bildlich steht für die Erschütterung ihres spirituellen Lebens. Ihr inneres Leben wird auf den Kopf gestellt. Dann erscheint der Geist in Form von Zungen, die « wie Flammen wirken » und sich auf jeden Einzelnen von ihnen niederlassen. Diese Zungen symbolisieren die neue Sprache, die die Jünger sprechen werden, eine feurige, enthusiastische und anregende Sprache. Die Jünger waren tatsächlich erfüllt vom heiligem Geist, vom heiligem Atem.

Daraufhin verlassen sie das Haus und beginnen auf der Straße zu reden. Und die Menschen verstanden sie in ihrer eigenen Sprache. Die Jünger sprechen eine Sprache, die der Sprache der Menschen auf der Straße entspricht. Man könnte sagen, dass sie die Sprache der Nächstenliebe, der Liebe sprechen, die eine universelle Sprache ist. Sie fürchten sich nicht mehr. Zuvor hatten sie Angst und blieben schweigsam. Auch wir haben manchmal Angst zu sprechen. Doch die Jünger von Jesus überwanden diese Angst am Pfingsttag. Und während sie die kraftvolle Sprache der Nächstenliebe sprechen, versteht sie jeder.

Wir brauchen Zeugen des Friedens und der Liebe in unserer Welt, in der so viele Kriege und Gewalt herrschen. Die Firmung kurz vor und an Pfingsten birgt die Hoffnung auf Frieden in der Welt und auf das Verständnis aller Sprachen und Kulturen. Ihr habt eben gehört wie viele Nationen am Pfingsttag in Jerusalem vertreten waren. Alle verstehen sich und verstehen die Sprache der Jünger. Dies ist das Gegenteil des Turms von Babel, wo alle Nationen sich zerstreuten, weil sie einander nicht mehr verstanden.

Lasst uns darum beten, dass die gesamte Menschheit den Weg zum Frieden findet. Lasst uns für die Firmlinge beten, die diesen Geist des Friedens und des Dialogs erhalten. Beten wir gemeinsam für die Eltern, Firmpaten und alle Familien, damit sie diesen Glauben in ihrem Umfeld und Bekanntenkreis bezeugen. Lasst uns für jeden von uns beten, damit wir den Geist Gottes in uns lebendig halten und ihn um uns herum bezeugen. Amen!

+ Jean-Pierre Delville, Bischof von Lüttich.